Freunde des smac e.V.

Gruppenbild der Freunde des smac e.V. in Erfurt

RÜCKBLICK: REISEBERICHT ZUR ERFURT-EXKURSION

Samstag, 15.10.2022

Mit leichter Verspätung startet die Reisegruppe 08:20 Uhr am Bahnhof in Chemnitz unter der Leitung von Frau Dr. Wolfram.

In Erfurt landen wir an der Domplatte, die in ein großes Volksfest verwandelt ist. Leider haben wir keine Zeit für Riesenrad und Co., denn die Alte Synagoge ist unser Treffpunkt mit Dr. Karin Sczech. Sie ist als ehemalige Gebietsreferentin am Landesamt für Archäologie Thüringen Expertin für das jüdische Leben im mittelalterlichen Erfurt. Also schlängeln wir uns durch die bereits gut mit Tourist:innen gefüllten Straßen voller Straßenmusik und finden uns zunächst an einer Außenmauer der Synagoge ein. Die Mauer selbst zeigt bereits lebhaft, wie das jüdische Leben in Erfurt zu beschreiben ist: Eine Geschichte voller Brüche und verborgener Spuren. Von der ganz ursprünglichen Bauphase erzählen einige wenige Bauelemente. Der weitaus größere sichtbare Teil des Gebäudes trägt die Handschrift späterer Nutzung, nachdem die Gemeinde bereits durch das Pogrom 1349 nahezu komplett ausgelöscht war. Gelegen in einem rückwertigen Teil der Innenstadt, war sie das Zentrum der ersten jüdischen Gemeinde.

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Frau Dr. Szech erläutert die bewegte (Bau)Geschichte der Alten Synagoge in Erfurt, Foto: Manfred Frech

Auf die Spuren dieser ersten Gemeinde begeben wir uns bei einem Spaziergang im Anschluss, denn die aktuelle Sonderausstellung „Inter Judeos. Das mittelalterliche jüdische Quartier in Erfurt“ ist direkt in das Viertel integriert. Wir sehen Objekte in Schaufenstern und finden Spuren und Schautafeln in Hausdurchgängen, deren Besitzer und Bewohner einst das jüdische Leben prägten. Hier lebten bis zum Pogrom jüdische und christliche Stadtbewohner Seite an Seite.

In der Alten Synagoge teilt sich die Gruppe, um eine angenehme Führung durch die Ausstellungsräume zu ermöglichen. Eine Gruppe wird von Karin Sczech geführt, die andere von Herrn Gose (Gästeführer). Was wir an der Außenmauer bereits deutlich sehen konnten, wird auch im Inneren sichtbar: An eine Synagoge erinnert hier nur noch sehr wenig. Ein in Spuren vorhandener Sims für die Beleuchtung während der jüdischen Sabbatfeierlichkeiten ist sichtbar. Der eingezogene Zwischenboden für die spätere Nutzung, der Tanzsaal in der oberen Etage mit einem umlaufenden Balkon für die Sittenwächter:innen sind Zeugen dafür, dass sich der Stadtrat das Gebäude nach dem Pogrom ebenso wie die meisten jüdischen Wohnhäuser des Viertels selbst überschrieb. Lagerfläche und später Tanz statt Gebet und Gemeinde. Unter Mithilfe von Stadtratsmitgliedern wird die erste jüdische Gemeinde 1349 vollständig ausgelöscht, denn kein Name der ursprünglichen Gemeinde wird später auftauchen. Die Häuser geplündert und abgebrannt, die heiligen Schriften eingelagert. Vom einstigen Wohlstand zeugt der Erfurter Schatz, den wir im Keller besichtigen. Silberbarren, Münzen, Schmuck und Alltagsgegenstände sowie das Highlight: Der Hochzeitsring aus Gold. Insgesamt fast 30 Kilogramm, versteckt vermutlich während des Pogroms unweit der Synagoge.

Wir können uns nur schwer von den wunderschönen Stücken lösen, doch die Zeit drängt inzwischen und so eilen wir neben die Krämerbrücke, wo die mittelalterliche Mikwe gefunden wurde. Dr. Karin Sczech hat sie selbst „gefunden“ und ausgegraben, sodass wir hier Grabungsanekdoten aus erster Hand erhalten. Das Ritualbad ist heute durch einen Schutzbau der Öffentlichkeit zugänglich und auch wenn wir nur einen kurzen Blick ins Dunkel werfen: Es bleibt ein lebhafter Eindruck vom einstigen jüdischen Leben. Nachdem kürzlich auch in Chemnitz eine Mikwe entdeckt wurde, ist es natürlich spannend zu sehen, wie ein solcher Fund erhalten werden kann.

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Die Reisegruppe an der Mikwe, Foto: Annelie Blasko

Trotzdem sind wir nun alle unglaublich hungrig und verirren uns vor lauter Hunger kurz auf dem Weg zum Restaurant Kromer’s. Umso mehr freuen wir uns über schnelle Bewirtung und durchweg leckere Gerichte. Diese Energie werden wir auch brauchen, denn der Nachmittag wartet mit schwerer Kost.

Unser letzter Programmpunkt ist der Erinnerungsort „Topf und Söhne“. Hier wurden neben Heizungsanlagen, Brauerei- und Mälzereieinrichtungen ab der Nazizeit auch Verbrennungsöfen für die Konzentrationslager der SS gebaut. Was zunächst als Fertigung pietätvoller Krematoriumsöfen für Städte im Familienbetrieb Topf und Söhne begann, wurde bald zur Herstellung von Hochleistungsöfen zur entmenschlichenden Vernichtung von Leichen im großen Stile. Unser Guide führt uns anhand von grausamen Zahlen und Beweisen, die bis in die 1990er Jahre im Keller des Verwaltungsgebäudes auf ihre Entdeckung warteten, das Ausmaß der Mittäterschaft vor Augen. Ingenieure, Installateure, Sekretär:innen und nicht zuletzt die beiden Firmeninhaber haben die Vernichtung von Millionen Menschen gesehen, hingenommen und – was vielleicht am schwersten wiegt – optimiert.

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Am Erinnerungsort Topf & Söhne, Foto: Annelie Blasko

Wir bleiben fassungslos und nachdenklich zurück. Pünktlich 17 Uhr treten wir die Heimreise an.

Annelie Blasko